neue [bewusstseins-] form: freisein

das werk Neue Form © P. Hauf 2007-2017

zeitgeist | 1848: Deutschland erhält eine fahne (älterer text)

1848: Deutschland erhält eine Fahne, die absolut im Sinne der "furchtbaren Theokratie ist, unter der die Deutschen seit nunmehr tausend Jahren zu leiden haben" (frei nach Hugo Ball): Analysiert man sie nach den Gesichtspunkten der visuellen Kommunikation, so zeigt sich, dass sie ein Bild des Staates um des Staates willen ist: Das visualisierte deutsche Dispositiv.

Mit dieser Fahne, so die These der vorliegenden Arbeit Neue Form, ist kein zivilgesellschaftliches Aufgehen Deutschlands in einem anderen als konzernverwaltungsrätischen Europa möglich, kein gesellschaftlicher Fortschritt. (Entsprechend wird sich auf ihre Veröffentlichung im Mai 2007 die aggressiv gewalttätige, konservative Seite verhalten, die nichts von einem gesellschaftlichen Fortschritt hören bzw. sehen möchte, allerdings freilich in der genialen Kombination von Unterschlagung und Verdrehung, Überwälzung und Zensur ihre gewohnt kriminogene Option erkennt.)

Schwarz-rot-gold in jener alten Form stellt bereits an sich eine absolute Aufhebung der Wirklichkeit dar, insofern sie, wenn man es einmal mit einfachsten Worten sagen möchte, das rote Blut dem blauen 'endgültig' unterwirft und einverleibt, das nackte Leben der Gewalt vollständig und unverrückbar preisgibt, einen permanenten 'Ausnahmezustand' annonciert, lehrt und propagiert; sie ist ein bauernbuntes Bild von provinziellem Pietismus und von gottesstaatlicher Totalität zugleich, ein visuelles Dispositiv von protestantischem Gottesgnaden- und katholischem Pharisäertum, das die Unterdrückung jedweder ausser- und damit zwingend innerstaatlicher, d. h. auch religiöser, spiritueller Freiheitsregung inklusive des auf diese Frustration folgenden Zorns paradigmatisch garantiert, indem sie die Paralyse des staatsbürgerlichen Geistes im status quo visuell fixiert; und so war diese Fahne seinerzeit wohl auch gemeint (aber weder damals erkannt worden, ausser, soweit überliefert, von Friedrich Wilhelm IV., noch heute als solches Schlüsselinstrument der preussenstaatlichen Unterdrückungsidentifikation erkannt), sie war der Schluss der gescheiterten Revolution von 1848 (und blieb, für's erste, nach ihrer ersten Inauguration in diesem Jahr auch nur bis 1851 in Gebrauch).

Heute, da all jene sozusagen traditionell-deutschen Formen verschüttet und überlebt, aber ebensowenig wie jene alte Fahne überwunden sind, wird der einheimische Zeitgenosse — genau wie auch alle möglichen kulturkreativen Trends und gewiss das eine oder andere Werk, wie etwa die Neue Form — bequem abgeholt von der deutschen Kultur- und Kreativwirtschaft, die umtriebig und rührend für die (staats-)propagandistische, mund- und konsumgerechte Aufbereitung der Inhalte, seien solche vorhanden oder auch nicht, sorgt (Jahresumsatz 2004: 14 Mrd. €uro).

Hugo Ball, ein religiöser Anarchist, wie ihn Hermann Hesse nannte, stellte 1918 lapidar fest: "... der Staat um des Staates willen besteht nur aus Verderbnis, sei es Verderben oder Verdorbenheit seiner Bürger." Die Tyrannei jener despotisch-selbstgenügsamen, allesverschlingenden Theokratie besteht noch heute in einer Souveränität des Unsinns und der gemeinen Gewalt, der die Deutschen, gut gezogen, nach wie vor aufsitzen wie eine Herde dummer Schafe. Ihre Schäfer, respektive die entfesselten Exekutiven des Staates, zu denen insbesondere auch manch ein Parteifunktionär mit Sonderauftrag wie etwa der DFB-Präsident gehört, tun mit ihnen gerade heute wieder, was sie wollen — genau wie mit der von ihnen unterschlagenen, diesen Wahnsinn an sich auflösenden, das Dispositiv des 'Ausnahmezustands' deaktivierenden, neuen, den Boden für etwas Neues bereitenden, jedoch dem Alten, dort, wo es echt und tief und freiheitsgeschwängert war, nicht abholden Fahne Neue Form.

Felsenfest ist das niedrige Politische, die Unterwerfung unter den heute völlig durchkommerzialisierten souveränen Bann, in Deutschland zementiert — sicherlich immer zum Verderb jeder wirklich freiheitsorientierten und vernünftigen, dem Ziel einer herrschaftskritischen Emanzipation zustrebenden Entwicklung, also der kulturellen Evolution überhaupt; es ist nonverbal-dogmatisch vorgegeben durch das visuelle, autoritär-konkrete, konkret-autoritär und im Michaelsmythos verbal-dogmatisch hintermauerte, klerikalfaschistische "Einheits"-Dispositiv Schwarz—rot—gold.

Kulturelle Evolution ist spirituelle Evolution. Aber dieses "moderne" Zeichen der — reichlich undurchschauten, uralten, durch den geistigen Verrat Luthers zu Anfang des 16. Jahrhunderts extrem komplex und nur umso widerwärtiger gewordenen — deutschen Theokratie blockiert seit seinem Aufkommen als nationales Leitmotiv weiter jedwede gesellschaftliche Befreiung, indem es visuell 'den' Ausnahmezustand kommuniziert und somit auf alle Fälle der staatlichen Unterdrückung von Haus aus Recht gibt: Nicht nur vollkommen unabhängig von den papierenen Gesetzen, sondern diese potenziell zugunsten einer von wem auch immer ausgeübten Gewalt suspendierend, bestimmt es die im Rechtssystem des Landes allesentscheidende Rechtsanwendungsnorm wie der Wille eines despotischen Diktators; es verkörpert und kommunziert bindend das Führerprinzip; es ist die spirituelle Möhre vor der Nase des eingeschirrten Esels, des deutschen Untertans.

Dieses hoheitliche, bzw. obrigkeitliche, mental- totalitäre "Verkehrs"- Zeichen regiert Deutschland in unterschwelliger Tyrannei zugunsten einer schmalen, aber umso gewichtigeren und durchtriebeneren, zynischen, gnadenlos selbstsüchtigen und nimmersatten Oberschicht, deren wichtigstes Propagandamittel es darstellt. Wer mithalten will, muss genauso werden — und gehört ihr damit.

Es postuliert seit seiner ersten Inauguration 1848 das politisch-theologische Dispositiv ('das Politische', wie es der berühmte, von Giorgio Agamben gern als Apokalyptiker der Gegenrevolution bezeichnete Staatsrechtler Carl Schmitt 1922 in seiner wohl nach wie vor als Lehrbuch des nationbuilding erachteten Lehre der Souveränität formuliert hatte) des Imperiums der römisch-katholischen Dogmatik — das heisst:

Es ist das visuelle Kommunikationsmittel und damit die visuelle Kommunikation schlechthin der archaischen, beliebig vom (in Wirklichkeit von den betreffenden Machtgruppen und ihren Priestern bzw. Seelenbeamten keineswegs erkannten und begriffenen) christlichen auf den germanischen, vom katholischen auf den protestantischen Schöpfergott — nicht jedoch Gott bzw. die Freiheit (die für all diejenigen, die die Buchstaben- oder Abergläubigkeit überwinden konnten, durchaus dasselbe ist), welcher oder welche mit jenem eine souveräne Allmacht postulierenden und suggerierenden Mittel regelrecht ausgegrenzt und vernichtet wird! — verschiebbaren Weihnachtsmann-Doktrin eines (in allen monotheistischen Religionen, also auch im Islam oder im Judentum bekannten und geläufigen, mit der Schaltung der deutsch-römischen translatio imperii freilich exklusiv für Deutschland beanspruchten) "Mittlers zum HERRN DER GEISTER" namens Michael (wörtl.: 'Wer ist wie Gott?!'):

Die Tatsache, dass zum Verständnis dieses Rätsels namens Schöpfergott — bzw. zur Lösung dieses Rätsels (zu dem jener "Michael" die primitivste, wiederum alle im Laufe der geistigen Evolution des Menschen errungenen, kulturell höher stehenden Einsichten auf das Brutalste ausgrenzende Bilderbuch-Metapher ist, die allerdings auch die Barbaren der deutschen Oberschicht und ihre genauso barbarischen Untertanen gerade noch verstehen können) — gerade dieser Anspruch, es zu verstehen bzw. es lösen zu können, nicht buchstäblich in den Grund und Boden eines Volkes, eines Landes, oder auch einer Tradition gerammt werden darf, müsste eigentlich als selbstevident gelten (können).

Allein, das ist im finsteren Deutschland keineswegs der Fall. Wo diese Freiheit verloren geht oder unterdrückt wird, entsteht eine künstliche, letztlich bloß literarische, freilich die ihr Ergebenen bzw. Unterworfenen gerade deshalb zu einer unentrinnbaren Buchstabengläubigkeit verdammenden und somit zu einer in erster Linie über das geschriebene und das gesprochene Wort manipulierbaren Masse formende, zwanghafte, von der Kaste der staatstragenden Juristen (die in der metaphysischen Tradition des Abendlandes stehen und deren oberster, mythisch-rechtlicher Ahnherr — somit — wiederum jener faschistoide, an Grausamkeit nicht zu übertreffende Führerprototyp Michael ist) verwaltete Einheit der Vielzahl, der (inneren) nationalen Vielheit: ein möglichst niedriger Begriff von der Nation.

All das im (damals schon längst aufgekommenen, aber eben relativ spät, und erst, als eine zumindest kosmetische Veränderung aufgrund der Ereignisse des Vormärz 1848 partout nicht mehr zu verhindern war, auch in Deutschland nicht mehr völlig zu unterdrückenden, und schließlich in der letzten Phase des  blutigen Kampfes zugunsten der Gegnerschaft der breiten, emanzipatorischen, die gesellschaftliche Entwicklung fort vom "gottgegebenen" Feudalismus in Wirklichkeit voranbringenden, hauptsächlich gegen jene Bevormundung durch die herrschaftsfreundliche Kirchendogmatik gerichteten Bewegung dergestalt — doppelbödig, scheinheilig, und die Machtverhältnisse jener Theokratie in Wirklichkeit dispositiv zementiert — umgesetzten) Gewand der Moderne, mit welchem sich die alten Machtverhältnisse nach der gescheiterten Revolution von 1848 nur allzu gern bemäntelten, hinter dem sich die somit keineswegs gelöste Frage nach dem der Zeit der Aufklärung und der heiligenden Befreiung von den finsteren und niederen Machenschaften der absolutistischen Theokraten gemäßen Politischen (siehe unten) bloß weiter, umso tiefer und gemeiner, verbarg.

So gesehen, bestehen hier zwei Möglichkeiten: Entweder belässt man es bei dieser Scheinlösung — auf die Folgen dieses tatsächlich bis heute eingeschlagenen Weges wird dann später noch einmal zurückzukommen sein, wenn es noch möglich sein sollte; oder aber jenes Dispositiv wird unter einem anderen als dem gängigen Prinzip der Beliebigkeit gesehen, namentlich gemäß dem Prinzip des Jetzt der Lesbarkeit, unter dem zu versuchen ist, jener irreführenden Vorläufigkeit und fatalen Kompromisshaftigkeit, die ihm von Anfang an anhaften, eine heutige Antwort zu entlocken, d. h. dem, was damals versäumt worden oder schlichtweg unmöglich oder auch nur bis heute unreif gewesen, aber dennoch zu diesem — in seiner Unzulänglichkeit nicht von alleine besser werdenden und 1919, 1949 wie 1990 beibehaltenen — Bild kondensiert war, in einem evolutionären Sinn auf die Sprünge zu helfen.

Es ist gewiss müßig, darüber zu spekulieren, was gewesen wäre, wenn es damals der breiten deutschen Emanzipationsbewegung geglückt wäre, den weiteren Verlauf der Geschichte zu bestimmen; festzuhalten bleibt dennoch, dass es gerade dieser Aspekt der deutschen Gesellschaft geblieben ist, der geschichtlich so gut wie vollständig ausgeblendet wird, bzw. noch heute doktrinär, "pro-aktiv" auszublenden ist im berühmt-berüchtigten Verständnis des vorauseilenden Gehorsams des deutschen Funktionärs. In dem Maß, wie sich der Parlamentarismus selbst beständig zu einem Kapital- Parlamentarismus (Badiou) entwickelt hat, wird auch Schwarz-rot-gold bei jeder Anfrage an die deutsche Geschichte zunehmend als die Mutter der Erfindung der Demokratie auf deutschem Boden gefeiert. Zurecht?

Der fortschrittliche Geist, der freie Geist, der Geist der Besten wird in Deutschland — auch nicht erst seither — stets einer reichlich fiktiven, einer konsequent jene autoritär- demagogisch-autorisierte Staatspropaganda erfordernden, einer pseudo-rudimentären, einer mit den Worten von Kaiser Wilhelm II. "in seiner Urprägung religiös [bestimmten] Wesens- Einheit des Deutschen" ... als Tribut dargebracht und geopfert!

So viel ist sicher (und wird sich erneut als wahr erweisen, wenn eine Neugestaltung der deutschen Fahne erfolgt ist — nämlich an ihrer augenblicklichen Unterschlagung und an ihrem sofortigen Missbrauch ganz im Sinne des alten Vexillologikums, durchgeführt von einer exakt jene oben angeführte Suspendierung allen Rechtes im Namen irgend einer beliebigen, in diesem Falle terroristischen Gewalt beherrschenden Gruppe um den mächtigen DFB-Präsidenten, DFB-Wirtschaftsdienste und DFB-Medien- Aufsichtsratsvorsitzenden und ehemaligen CDU-Verwaltungsrichter Dr. Theo Zwanziger, seines Zeichens der Handlanger des für jede weitere Entwicklung der europäischen Zivilisation brandgefährlichsten Politikers, des deutschen Innenministers Dr. Wolfgang Schäuble, CDU).

Die Epoche der Moderne begann sich in Deutschland, gleichwohl sehr langsam, in Wirklichkeit zusammen mit — wie es Schmitt sagt — den idées génerales (d. h. eben des Politischen, also des auf politische Einheit im Sinne allen gemeinsamer Grundsätze Zielenden; vgl. Rotermundt, S. 143) bereits ab dem Ende des Ersten Weltkrieges wieder ihrem — scheinbar endlos langen —  Ende zuzuneigen, und man kann in dem erneuten Hissen der Fahne von 1848 im Jahre 1919 schon das trotzige Fanal erblicken, das über die jeweiligen, in der Weimarer Zeit (noch einmal) konkurrierenden politischen Vorstellungen in die biopolitische Zwangs- Einheit des Nationalsozialismus führte, welcher nun mit aller beschränkt menschlichen Konsequenz sowie aller nur erdenklichen unmenschlichen Brutalität nunmehr gerade das von der Natur einforderte, was die Geschichte (erneut) verweigerte (1848 schon einmal verweigert hatte): "das Politische [diesmal und mit furchtbarer Konsequenz] als 'Volk' und 'Rasse'" (Ders., 144).

Sogar "Carl Schmitt konstatiert im Vorwort zur Wiederauflage des Begriffs des Politischen" 1963 (!): 'Die Epoche der Staatlichkeit geht jetzt zu Ende.' Aus dem Zusammenhang wird deutlich, dass Schmitt hier eben jenen Staat meint, der die 'politische Einheit' repräsentiert, (...) und den er selbst den 'totalen' nennt." (Ders., 143)

Es wäre also sogar nach Ansicht des 'Apokalyptikers der Gegenrevolution' bereits 1963 langsam an der Zeit für eine neue Form gewesen, bzw. das Politische eben, wenn es sich in dem von ihm selbst geprägten Verständnis nicht mehr formulieren ließe, irgendwie anders, neu, zu formulieren. Daran sollte man einmal messen, was dann tatsächlich geschah — und vielleicht gleich mit dem Mord an J. F. Kennedy, der um jene Zeit geschah, damit beginnen?

1949 war nach 12 Jahren Hakenkreuzregime und anschließenden 4 Jahren staatlicher Zwangspause erneut Schwarz-rot-gold für die nun gegründete Bundesrepublik Deutschland auserkoren worden. Kurz darauf spaltete sich der von der Sowjetunion besetzte Ostteil des Landes als eigener (bzw. sowjetischer Vasallen-) Staat namens Deutsche Demokratische Republik ab, von dem ebenfalls diese Fahne wieder übernommen wurde; lediglich das DDR-Staatswappen wurde hier als Zeichen der Unterscheidung vom politisch anders orientierten Westsektor in die Imprese geschlagen. Dachte man, man könne Michael mit dem Kommunismus beikommen? Der marxistische Kommunismus selbst ist nichts anderes als eine translatio des Michaelsmythos ins Säkulare!

Die Religion darf, mit den Worten von Hugo Ball, nicht vernichtet werden, sie muss vollständig befreit werden! Erst dann kann von Intelligenz gesprochen werden. 

Schließlich übernahm — "kein Thema" — auch das wiedervereinigte Deutschland 1990 wie selbstverständlich wieder jenes semantische Trojanische Pferd des gewiss — wäre dieser Spuk denn publik geworden bzw. die Deutschen je darüber aufgeklärt, statt damit verführt, und sodann dahingehend befragt worden — von einer überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung als überlebt und überkommen erachteten, herrschaftskultur-autoritären, totalitär-autoritativen, theokratisch-kirchendogmatischen "Einheits"-Gedankens. (Und es ließe sich mit ein wenig "deutschem" Witz darüber kalauern, dass anschließend 20 Jahre lang wieder tüchtig eingeheizt wurde damit — bis heute die ganze Welt auf allen Ebenen vor einem Punkt steht, an dem sie nicht weiterweiß)

Nach wie vor unerkannt von den meisten Zeitgenossen verwirklichte sich der geschichtliche Auftrag, der jenem Banner eignet wie nichts sonst: Das mental wirkmächtigste Zeichen Deutschlands, die Fahne, auf die das Militär Mann für Mann seinen Eid leistet, das die deutsche Staatsidee als unverrückbar erscheinde Realtität verkörpernde Hoheitszeichen, psychologisches Leitmotiv von 82 Millionen Menschen im Herzen Europas, übernahm erneut die klandestine Führung des politischen Großraums, um die Direktive des Dispositivs, das es darstellt — in der Wiedervereinigung quasi unbeschadet wiedergeboren — ein weiteresmal auf Gedeih und Verderb in die Wirklichkeit umzusetzen und ins Rennen der mit dieser Barbarei noch immer zu Fall gebrachten Intelligenz zu schicken.

Nichts anderes als ein in Wirklichkeit namenloser (und entsprechend unsäglicher) Obrigkeitsstaat begann nun auf frisch befreiter Bahn und unter dem Etikett 'Deutschland' erneut sein Spiel, die zwischenmenschlichen Herrschaftsverhältnisse nach seinen mehr oder weniger geschickt auf einen doch bloß allein durch ihn — oder? — errungenen Sieg zu buchen. Freilich, es wurde nicht laut von Sieg gesprochen damals — noch nicht, damit ließ man sich noch 20 Jahre Zeit; denn erst musste doch die Beute aufgeteilt, die Weichen subversiv gestellt werden.

Eine spektakuläre, in allen Details — kultur-, sport- und medien-, also gesellschaftspolitisch, finanztechnisch (die neue, massive, buchstäblich alles innerhalb weniger Jahre auf das doppelte verteuernde Retorteneinheit heisst EURO) und militärisch (die unter altem Namen neu gegründete Fremdenlegion heisst jetzt noch immer NATO) — folgerichtig autoritär umgesetzte Zerstückung, Entleerung und Entwertung war der Fall unter der Deckung bzw. unter der propagandistischen Inszenierung und dem Missbrauch dieses Begriffs der Einheit, dessen autoritäre, unnachsichtige und unnachgiebige Garantie-Rolle dieses machtvolle, fehlgeleitete, in seiner mental-spirituell-psychologischen Rückständigkeit fernsteuerbare, im Herzen Europas gelegene und nun von einem Erbstück des Totalitarismus beglückte Land nun zu übernehmen hatte.

Eine unaufhaltsame, sich wie von alleine beschleunigende Umverteilung des Volks- und auch des Privatvermögens von unten nach oben begann, deren nachgerade irrationale (dem irren Michaelsmythos kongruente), in Form einer verwirrenden Unterdrückung bzw. einer Unterdrückung durch Verwirrung etablierte, direkt auf den Geist, die Intelligenz und, auf dem ökonomischen Sektor, folgerichtig in erster Linie auf die geistigen Leistungen zielende Strategie an Parolen wie "den Gürtel enger schnallen" (allgemein gerichtet an eine sich rapide herausbildende und gerade auf die Intelligenz immer neidischer werdende Unterschicht bei einem gleichzeitigen, ebenso rapiden Fetterwerden einer allerdings zahlenmäßig nur einen Bruchteil betragenden, eben jener klerikalfaschistischen Projektinszenierung zuzurechnenden, geriebenen Oberschicht) zwar hinlänglich deutlich wurde, doch über die an alleroberster Stelle, dem als buntes Tuch unterschätzten dreifarbigen mentalen Leitmotiv des Landes, verstellten, bzw. im Anachronismus der "furchtbaren Theokratie, die Deutschland seit tausend Jahren beherrschte" (Hugo Ball) eingestellt belassenen, bzw. durch die 1990 anlaufende reconquista der Farbe Rot ultimativ und ausschließlich wieder darauf hingebogenen Weichen, namentlich an der Stelle des "neuen", die längste Zeit durch schiere "Abwesenheit" bzw. Geheimhaltung (beides zu verbuchen unter dem Begriff des Herrschaftswissens bzw. der Kommunikationsherrschaft) bzw. durch eine solchem kulturellen rollback geschuldete Unbegreiflich- und Unfassbarkeit glänzenden "Politischen" zugleich nahezu unangreifbar geworden war.

Diese Strategie, meine Damen und Herren, läuft nicht nur auf einen äusseren Expansionskrieg hinaus, sie stellt bereits den inneren Expansionskrieg dar.

1848, 1919, 1949 und 1990 hatten in und mit dieser Fahne bzw. diesem Schlüsseldispositiv Petri (das es von der anderen, der nicht-weltlichen, der geistlichen Seite her ist), also dem der gnadenlosen, inquisitorischen und repressiven, ekklesiastischen, gleichviel ob katholischen oder evangelischen Dogmatik, die auf die christliche Ansage "mein Reich ist nicht von dieser Welt" bekanntlich von jeher pfeift, stets die zynischen machtpolitischen Anhänger eines Schemens gesiegt, der der gerade von diesem Trick geknechteten Bevölkerung nichts anderes als das genaue Gegenteil jener Ansage verspricht, nämlich die Verwirklichung des Reiches Gottes auf Erden! So wird beides, die Staatspolitik und der Geldwert — aus denen der Profi seinen Profit zum Schaden der Allgemeinheit zieht ("Ruinieren Sie Ihren Nachbarn!") — mehr oder weniger geschickt oder auch fadenscheinig, wie man will, letzten Endes gedeckt. Die Leute fallen darauf herein und geben ihr Leben dafür. Die Gegner dieser Verballhornung waren eigentlich schon immer dazu gezwungen, gegen diesen Schatten zu boxen. Es regiert ... reine, skrupellose Häme.

Weshalb eignet sich gerade der Deutsche so ausgezeichnet für dieses Trauerspiel?

Die so reale Chimäre hat einen Namen: sie nennt sich Einheit, die Einheit der Vielzahl, und sie errichtet ihren Tempel, indem sie auch noch den letzten Himmel durch sein Einheimsen räumt. Das Postulieren einer — absolut fragwürdigen, ungenügenden — Einheit der Vielheit errichtet die Zentrifuge, die alles von unten nach oben, von jener Vielzahl unten an der Basis der Pyramide der Hierarchie hin zu ihrer Spitze oben schleudert. Denn dort hinauf, zu dieser Objektivierung des scheinbar Potzobersten der Welt schaut dann der Mensch gezwungenermaßen in der ihm aufoktroyierten Welt der objektiven Einheit der Vielzahl und der rumorenden Einheit der Objekte, dorthin geht sein Sehnen, während ihm die Taschendiebe das Geld aus der Hose und die Wanzen das Blut aus dem Leib saugen, die Agenten des Totalitarismus der Einheit der Vielzahl mit ihren Gemahlinnen, die alle dieselbe Form haben — nämlich die dieser Einheit.

Auf solch archaische Pseudo- Einheit eingeschworene, mafiöse Gruppen und Seilschaften beackern das Land des deutschen Barbaren und verwandeln es in einen (braunen) Sumpf, der heute bereits in ganzen Bundesstaaten bzw. deutschen 'Freistaaten' wieder sprichwörtlich geworden ist: Konsequenterweise blitzen davon in den Medien nur hie und da schnell wieder unterdrückte Informationsfetzen auf. Im Lichte jenes Jetzt der Lesbarkeit scheint sich als wahr herauszustellen:

Der wahre, eigentliche, bisher geheime Gründungsmythos des modernen Deutschland war derselbe wie derjenige, streng geheime und apokryphe, erst beim Versuch einer Neugestaltung der deutschen Fahne ent- bzw. aufgedeckte des alten Heiligen römischen Reichs deutscher Nation und ist es nach der nationalen Wiedervereinigung nur wieder umso mehr; ein Rückfall, der rollback in undeklarierte, doch nur umso virulentere Einheitsformen in der autoritär-biopolitischen, totalitaristischen Preislage des Naziregimes findet statt: Der Eid Aqae aus dem apokryphen Buch Henoch (wörtl.: Der Eine), in dessen Text eine Art Deckungsgleichung mit der deutschen Fahne Schwarz-rot-gold aufscheinen will und der Holokaust ebenso wie der souveräne Bann buchstäblich vorgezeichnet sind.

Das ursprünglich wie letztlich Entscheidende dabei ist, dass Deutschland — und damit Europa — über die subtile massenkommunikative, propagandistische Besetzung dieser dem Deutschen seit einem Jahrtausend mit allen traditionellen kirchlich-staatlichen (d. h. "Reichs"-) Repressions- und Inquisitionsapparaturen "pro-aktiv" eingefleischten, metaphorischen, als Symbol für "ihren" Geist und "ihr" Recht wie "ihr" Leben zugleich geltenden Schlüsselfigur Michael — "dessen Farbe Rot ist in all seinen Schattierungen", wie jene Dogmatik es vorschreibt und durchdrückt — kinderleicht steuer- und beherrschbar ist.

Das kann durchaus auch aus dem Ausland heraus, also ferngesteuert geschehen, wie es heute offenbar der Fall ist, weil die Deutschen heute in dem "'Ausnahmezustand', der zur Regel geworden" ist (Walter Benjamin, 1920), in der Regel zugleich beides, zu feige und nicht Willens, oder vielleicht auch von ihren geistigen Restkapazitäten her nicht dazu in der Lage sind, die unbequemen Implikationen dieses allesentscheidenden, "hoheitlichen" Dispositivs zu erkennen und zu begreifen. Eine diesem seit der Reformation moralisch erschöpften und seither nahezu ausschließlich ins Soldatische und den dazugehörenden Selbstbetrug einer mystischen geschichtlichen Sendung — die von ausserhalb Deutschlands noch nie festgestellt werden konnte — flüchtenden Volk überlegene Intelligenz findet sich gewiss, da dieser Deutsche seine Besten als die ihm zuhause Unbequemen gewohnheitsmäßig zur Strecke bringt.

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